In Zürich am Flughafen treffe ich unseren Bergführer Ruedi Kellerhals und meine Reisegefährten Alexander, Christoph, Paul und Heinz. Sie haben mit Ruedi bereits einige Touren gemacht und kennen sich teilweise auch untereinander sehr gut. Ich bin also der Frischling in der Gruppe, was überhaupt kein Thema ist. Ich werde von Anfang an herzlich aufgenommen.
Nach dem Check-In und dem Security Check werden im Tax Free Shop zuerst mal ca. 2.25 kg Gummibärchen beschafft … ein wichtiges Ingredienz für Ski Touren in dieser eingespielten Truppe, sie geben den für den Aufstieg notwendigen stärkenden Zucker deutlich langsamer ab als Traubenzucker und sind natürlich auch leckerer. Die Entwöhnung nach der Heimkehr wird einige Wochen in Anspruch nehmen.
Wir fliegen von Zürich nach Istanbul, wo 300 ccl Bier ca. 16 Euro kosten, was uns augenblicklich zur (temporären) Abstinenz bekehrt. Nach etwas Wartezeit geht es weiter nach Almaty, wo wir noch einmal umsteigen, um schließlich in Ust-Kamenogorsk auf Alexey zu treffen. Ust-Kamenogorsk ist russisch für “Gebirgsstadt an der steinigen Flussmündung”, also an der Stelle, an welcher der Fluss Ulbá in den Irtysch mündet. Alexey ist unser lokaler Führer, aber auch so vieles mehr. Für Ruedi ist er seit Jahrzehnten ein guter Freund und ein zuverlässiger Kenner der lokalen Gegebenheiten. Die beiden ergänzen sich auf der Tour ideal. Alexey ist Präsident des russischen Bergführer-Verbands und liebt neben gutem (also georgischem) Essen auch guten (also georgischen) Wein. Was er auch liebt, sind Frauen, aber darüber sprechen wir hier nicht. Er stellt sich bald auch als passionierter Bania-Gänger heraus. Die Bania ist das russische Äquivalent zur Sauna und eine wichtige soziale und gesundheitliche Einrichtung.
Vom Flughafen in Oskemen (wie Ust-Kamenogorsk etwas handlicher auf kasachisch heißt) fährt uns unser Fahrer nach Ridder, wo wir uns mit Bier und gutem (also georgischem) Wein eindecken, weil es das an unserem Zielort Klimouka nicht zu kaufen gibt. In Klimouka, einem netten Tourenski-Ressort am Fuße des Altai-Gebirges, beziehen wir zwei gemütliche Hütten und werden sogleich mit einer überreich gedeckten Tafel verwöhnt. Als Auftakt gibt es zuerst einmal die feinste und sämigste Borscht, die ich je genossen habe. Borscht ist eine traditionelle russische Suppe aus Randen (rote Beete), Weißkohl, Kartoffeln und vielem mehr.
Nach etwas Schlaf fahren wir mit unserem Bus zum Ausgangspunkt unserer ersten Ski Tour. Wir steigen langsam bis zur Steingrenze und ein kleines bisschen weiter auf. Die Abfahrt ist anfangs steinig, dann folgen wunderbare Tiefschnee-Hänge und zum Schluss geht es etwas abenteuerlich durch den Wald zurück bis zur Straße. Nach diesem ersten Tourenerlebnis führt uns Alexey in die lokale Badekultur ein, dh. er sorgt dafür, dass die Bania so richtig eingefeuert wird und erklärt uns die “Spielregeln”. Im Umkleide-/Ruheraum (predbannik) entkleiden wir uns alle und bedecken unsere Häupter mit den traditionellen Filzhüten (schapka). Dann geht es direkt in den Dampf/Heiss-Raum (parnaja). Wichtige Instrumente sind hier eine Kelle (kowfsh), mit der man aus einem Becken warmes Wasser auf die heißen Steine gießt, und ein frisches Bündel aus Zweigen (wenik, hier Birke), das im selben Becken liegt und für jede Badegruppe ausgewechselt wird. Mit dieser “Fitze” wird durch mehr oder weniger heftige Schläge auf die Extremitäten, aber auch auf Rücken und Bauch die Durchblutung angeregt. Nach zwei bis drei Durchgängen kühlen wir uns wieder ab. Danach gehen wir in den Waschraum (mojka), wo wir uns mit einer grossen Kelle ein Becken gut temperiertes Duschwasser mischen und uns von Hand mit der Kelle begiessen. Auch ein splitternacktes Bad im Tiefschnee (Champagner Powder) bei höchstens -14 Grad darf natürlich nicht fehlen.
Nach einem weiteren phantastischem Abendmahl bei gutem (also georgischem) Wein und einer erholsamen Nachtruhe folgen wir der Aufstiegsspur unserer schwedischen Kollegen. Der Zustieg führt bei Sonnenschein durch einen märchenhaft verschneiten Wald, der fast ein bisschen kitschig wirkt. Auch heute steigen wir bis zur Steingrenze und etwas höher. Unterwegs haben wir aufgrund des sonnigen Wetters gute Sicht und passieren häufig Punkte mit phantastischer Aussicht. Die Abfahrt führt durch gewohnt pulvrige und unverfahrene Hänge durch die wir unsere Spuren ziehen. Der Tag endet wie gewohnt mit einem Besuch in der Bania und einem lukullischen Mahl.
Am dritten Tag packen wir unsere sieben Sachen in den Anhänger unseres Busses und nach einem ausgiebigen Frühstück fahren wir in Skitourenkleidung und mit montierten Skischuhen Richtung Ridder. Unterwegs halten wir an und springen auf unsere bereits befellten Skier, um wieder durch einen märchenhaften Wald hangwärts Richtung Steingrenze aufzusteigen. Auch diese Abfahrt belohnt uns mit steilen und verschneiten Hängen, die noch keine Ski-Spur gesehen haben. Am Waldrand angekommen steigen wir noch einmal ein gutes Stück auf und stürzen uns erneut in den Pulverschnee. Unser Fahrer fährt uns weiter nach Ridder, wo wir uns wieder mit Bier und gutem Wein für die kommenden Tage versorgen. Zu Weiterbildungszwecken suchen wir aus dem reichhaltigen Angebot eine Flasche Vodka aus. Die Auswahl erstreckt sich über sage und schreibe acht vom Boden bis zur Decke mit Vodka gefüllten Gestellen und macht die Auswahl zu einer schwierigen Aufgabe, die sich nur mit den Lokalkenntnissen von Alexey lösen lässt.
Und weiter geht’s zur East Pole Lodge. Zur Begrüssung gibt es hier jeden Tag ab 16:00 Suppe auch wenn man nicht den ganzen Tag Ski gefahren ist. Ab 16:00 ist es übrigens auch bereits stockfinster. Die EastPole Lodge ist eine Free Ride und Catskiing Hütte vom Feinsten: einfach, aber urgemütlich. Man fühlt sich sofort heimisch, sobald man sich an einen der schweren Tische setzt und den ersten Löffel Suppe gekostet hat. Beim Abendessen beschliessen wir, dass wir einen zweiten Catskiing Tag buchen wollen, vorgesehen war bisher einer.
Am ersten Tag fahren wir mit dem Pistenbully bis zum höchsten Punkt und verabschieden uns dort von unserem „Ride“. Nach einer phantastischem Abfahrt fellen wir auf und steigen hoch, um uns an einer unverfahrenen Stelle gleich wieder in den Hang zu stürzen. Zurück in der Lodge schaffen wir es dieses Mal als erste in die Bania, welche genauso gemütlich ist wie jene am ersten Ort.
Am nächsten Tag ist CatSkiing angesagt, d.h. der Ratrac ist den ganzen Tag für uns und unsere schwedischen Kollegen, welche mit uns in Klimouka waren, reserviert. Gleichzeitig gibt es einen weiteren Leckerbissen, nämlich fast einen halben Meter Neuschnee. Der Schnee ist so leicht und flockig, dass er dem Namen “Champagne Powder” alle Ehre macht. Da ich in meinem Leben noch nie in so tiefem Schnee gefahren bin, muss ich zuerst ein paar Dinge lernen. Erstens: die Skibrille ist ein Muss, zweitens: es lohnt sich, die GoreTex Jacke über den Helm zu ziehen und bis praktisch unter die Skibrille zu schliessen. Nur so ist sichergestellt, dass ich sehenden Auges durch den Pulverschnee fahre, statt ihn zu essen. Da uns der Schnee bis mindestens zum Bauchnabel reicht, schiebt man beim Fahren einiges an Schnee vor sich her, was einerseits stark bremst und andererseits ganz schön in die Oberschenkel geht. Am Abend stellen wir auf Alexey’s App, die unsere Routen aufgezeichnet hat, fest, dass wir an diesem Tag fast 4000 Höhenmeter talwärts (also Ski) gefahren sind.
Nach einem weiteren CatSkiing-Tag geht es schon zurück nach Oskemen, wo wir nach einem leckeren (georgischen) Essen die Nacht in einem Hotel verbringen. Am folgenden Tag fliegen wir von Oskemen nach Almaty, wo wir uns von Ruedi verabschieden. Auf einem leider etwas verregneten Abendspaziergang durch Almaty zeigt uns Alexey verschiedene Sehenswürdigkeiten, die er ausführlich erklärt. Auf dem Weg vom Hotel zu unserem Restaurant passieren wir ein traditionelles Gebäude, das aus den Gründerjahren von Almaty stammt. Es beherbergt heute die KAZRestoration, die zum Kulturministerium gehört und den Erhalt historischer Bauten verantwortet. Weiter geht es vorbei am im gleichen Stil gebauten Museum für Musikinstrumente. Dann spazieren wir durch den Park zur ewigen Flamme am Memorial of Glory, einem sowjetischen Kriegsdenkmal, das die Gefallenen im ersten und zweiten Weltkrieg würdigt. Schliesslich besuchen wir die russisch-orthodoxe Christi-Himmelfahrt-Kathedrale, die uns mit ausladendem Goldschmuck und einer Unzahl von Ikonen beeindruckt. Die riesige dreistöckige Badeanlage Arasan Wellness & Spa können wir aufgrund der knappen Zeit nur von aussen bewundern. Sie wäre aber nebst zahlreichen weiteren Sehenswürdigkeiten klar ein Grund etwas mehr Zeit in Almaty zu verbringen. Anschliessend führt uns Alexey ein weiteres Mal zum Essen aus in ein edles georgisches Restaurant, wo wir uns quer durch die Speisekarte essen und trinken.
Am nächsten Morgen geht es definitiv nach Hause. Wir fliegen sechs Stunden von Almaty nach Istanbul und landen nach weiteren drei Stunden Flug müde aber zufrieden in Zürich.

