Am Sonntagmorgen trafen wir uns alle früh am Hauptbahnhof Bern, stiegen in zwei Busse und zogen Richtung Süden. Unser Ziel war es nicht, wie die meisten, die Alpen zu queren, sondern genau dort zu bleiben, wo die meisten möglichst schnell wegwollen.
Wir haben eine wunderbare Skitourenwoche auf dem Grossen St. Bernhard und im oberen Aostatal verbracht. Zwischen Bourg-Saint-Bernard und Saint-Rhémy finden sich wunderbare Hänge, hohe Berge mit steilen Flanken und schöne Wälder – alles in allem eine eindrückliche Szenerie. Neun wackere Streiter machten sich auf den Weg, um unter der kundigen Leitung unserer Bergführer Ruedi und Toni eine Woche in den Bergen zu verbringen.
Tag 1: Prosciutto, Schmuggler und das Fenêtre de Sereina
Nach einer kurzen Fahrt durch den Tunnel deponierten wir unser Material im Hotel in Saint-Rhémy. Bevor es auf die Ski ging, machten wir einen kurzen Stopp in einer Prosciutteria. Eine Besonderheit des Aostatals sind die Fleischspezialitäten in allen möglichen Formen: Schinken, Speck und rezenter Bergkäse sind fester Teil des lokalen Speisezettels.
Frisch gestärkt fuhren wir zum Parkplatz Crévacol und stiegen in Richtung des Fenêtre de Sereina auf. Die Seitentäler hier sind noch französischsprachig – zumindest auf den Ortsschildern. Im Alltag wird untereinander Französisch gesprochen, doch eigentlich ist man schon richtig in Italien.
Nach rund 950 Höhenmetern Aufstieg auf den Col klarte das Wetter auf und wir wurden mit einem kurzen Blick in Richtung Gran Paradiso belohnt. Der Gran Paradiso ist der einzige ganz auf italienischem Boden stehende Viertausender und historisch gesehen die Heimat aller Steinböcke im Alpenraum. Vor rund 100 Jahren war dies das Jagdgebiet des Königs Vittorio Emanuele. Schweizer Wildhüter und Schmuggler raubten dort Steinbockkitze und zogen sie im Wildpark in St. Gallen auf. Technisch gesehen sind also alle Steinböcke in den Alpen Italiener.
Tag 2: Blindflug am Mont Palietta
Am zweiten Tag verwehrte uns das Wetter jegliche Sicht – verhangen und neblig sahen wir die Hand vor den Augen nicht. Wir beschlossen, im Wald in Richtung Mont Palietta aufzusteigen. Der gefrorene Schnee an den Föhrennadeln sorgte für eine mystische Stimmung.
Ich wusste irgendwann nur noch, dass wir oben waren, als es nicht mehr weiter ging. Umso erstaunlicher war es, auf dem Gipfel eine grössere Gruppe anzutreffen. Erst im letzten Moment merkte ich, dass ich bei der falschen Gruppe stand – unsere befand sich 50 Meter weiter im Nebel. Der kurze Austausch mit den französischen Tourengängern aus den Pyrenäen war dennoch äusserst freundlich. Ich war tief beeindruckt, wie gut unsere Bergführer uns in fast totalem Weiss sicher zu den besten Schwüngen führten.
Tag 3: Sulzschnee und die „Gruppe Cappuccino“ am Mont Flassin
Ein klarer, kalter Morgen mit bester Sicht. Wir starteten beim Snowpark Flassin, das in einem tiefen Schattenloch liegt und kraxelten in einem langen, stetigen Anstieg durch lichte Wälder. Am Ende des Tals landeten wir in einem riesigen Kessel, der unzählige Möglichkeiten bot.
Nach rund 1380 Höhenmetern in Richtung Mont Flassin wurden wir mit einer wunderbaren Abfahrt im Sulz belohnt. Für einen Teil der Gruppe reichte das: Die sogenannte „Gruppe Cappuccino“ sass bei einem Maiensäss in der Sonne, während der Rest eine Zusatzrunde auf dem Col de Vertosan mit weiteren 440 Höhenmetern anhängte.
Tag 4: 360°-Panorama am Mont Fourchon und Alpinismus
Da das Wetter auf der Südseite umschlug, fuhren wir zurück in Richtung Norden und Schweiz. Wir starteten am Nordportal des Grossen St. Bernhards und stiegen zum Hospiz auf, das seit rund 600 Jahren durchgehend bewirtet wird. Nach einem Kaffee fuhren wir über die Passstrasse ab, fellten an und stiegen rund 1220 Höhenmeter auf den Mont Fourchon.
Oben wartete ein 360°-Panorama auf den Hauptalpenkamm: Mont Blanc, Grandes Jorasses und Gran Paradiso reihten sich aneinander. Einige von uns steigen auf einen kleineren Nebengipfel auf, der Hauptgipfel war etwas voll. Ein grosses Ah und Oh ging durch die Gruppe, als Toni, George und Motti gekonnt ihre Schwünge in den Sulz zauberten. Der SAS ist schliessliche ein Skiclub.
Nach der Abfahrt war Alpinismus angesagt. Wir stiegen in Richtung Fenêtre d'en Haut auf. Im steilen Schlussstück hiess es: Ski auf den Rucksack, Steigeisen an und mit dem Pickel weiter. Über diesen Pass fuhren wir schliesslich wieder zum Parkplatz ab. Ein technisch anspruchsvoller, aber absolut gelungener Tag.
Tag 5: Das "kernige S", Harscheisen und die Halfpipe der Pointe Valetta
Der kommende Tag bot eine echte Überraschung: Gleich am Gegenhang des Hotels liegt ein steiles, dicht bewaldetes Flusstal. Sehr eng schlängelt sich der Weg, den wir in Anlehnung an Bruno Kernen das "kernige S" nannten, den Berg hoch.
Wir fuhren erst das Tal hinunter, am Snowpark Flassin vorbei, und fellten unsere Skier an. Durch den Wald und dichte Vogelbeersträucher stiegen wir das Flusstal hinauf. Auf dem Sockel angekommen, öffnete sich ein wunderschönes Hochtal mit lichten Lärchenwäldern. Nach einem flachen Stück zog der Aufstieg auf den letzten 400 Höhenmetern in Richtung Pointe Valetta an. Die Bergflanke mündet in einen schönen, runden Gipfel. Damit wir die Harscheisen nicht umsonst mitgenommen hatten, montierten wir sie für die letzten 100 Höhenmeter und stiegen sicher auf.
Belohnt wurden wir mit einer schönen Abfahrt in das breite Tal. Kurz waren wir unsicher, ob wir mit geschulterten Skiern absteigen oder die Abfahrt durch das enge Flusstal wagen sollten. Die Entscheidung für die Ski war goldrichtig: Fast wie in einer Halfpipe fuhren wir über Buckel und gefrorene Wasserfälle rasant und mit grosser Freude hinunter zum Parkplatz. Der Tag endete, wie man sich leicht daran gewöhnen könnte, mit einem geselligen Apéro im Hotel.
Tag 6: Kurzärmelig auf Les Monts Telliers und Tschugger-vibes
Leider ging die Woche nun zu Ende. Wir packten unsere Koffer, fuhren durch den Tunnel und parkierten abermals am Nordportal des Grossen St. Bernhards. Dort liegt die verlassene Talstation des Skigebiets Super St. Bernard, die durch die Fernsehserie Tschugger eine gewisse Berühmtheit erlangt hat.
Wir stiegen erneut in Richtung Hospiz auf, bogen dann aber rechts ab zu Les Monts Telliers – aufgrund der Nähe zum Parkplatz eine sehr beliebte und perfekte Trainingstour. Nach einem kurzen Sattel zog sich eine lange Talseite vor uns auf. Bei praller Sonne, kurzärmelig und bestem Wetter stiegen wir dem Gipfel entgegen. Man soll ja schliesslich aufhören, wenn es am schönsten ist.
Die Abfahrt belohnte uns ein letztes Mal mit herrlichem Sulz. Wir zogen unsere Schwünge fast schon wehmütig in dem Wissen, dass diese perfekte Woche hier ihren Abschluss fand. Am Parkplatz zogen wir uns rasch um, fuhren Richtung Norden, machten einen kurzen Kaffeestopp und trennten uns in zwei Gruppen auf – die einen fuhren zurück nach Bern, die anderen in die Ostschweiz.
Eine perfekte Woche ging zu Ende. Ein grosses Lob und Dankeschön an unsere Bergführer Ruedi und Toni sowie an George für die Organisation. Wir durften eine Ecke der Schweiz erkunden, die die meisten von uns noch nicht kannten und für sich entdeckt haben.

