Lullaillaco & Ojos del Salado 31

Last Degree Antarctic Tour

In 8 Tagen mit Ski und Schlitten 110km zum Südpol

Bericht von Marco, 30.12.2025

Nach der erfolgreichen Mt.-Vinson-Besteigung sind die KP-Teilnehmenden am 16.12., zwei Tage früher als geplant, nach Punta Arenas in Chile und anschliessend weiter in die Heimat geflogen. Ich blieb im ALE Union Glacier Camp, da ich die rund einwöchige Last Degree Tour mit Ski und Schlitten vom 89. Breitengrad zum Südpol absolvieren wollte. Diesen Teil der Expedition hatte ich bei KP gebucht, er wurde jedoch von ALE – dem einzigen lokalen Veranstalter – durchgeführt.

Im Camp lernte ich den Engländer Pratyay kennen. Er hatte mit einer anderen Gruppe ebenfalls den Mt. Vinson bestiegen und wollte die Last Degree Tour anhängen. Unsere beiden ALE-Guides, Pachi und Vivi aus Chile, waren bereits vor Ort. Die Freude war gross, als Pratyay und ich am Abend ein grosses ALE-Domezelt mit zwei Betten beziehen konnten – nach einer Woche im Expeditionszelt am Mt. Vinson eine sehr willkommenen Abwechslung.

Um die Wartezeit bis zur Ankunft der drei restlichen Teilnehmenden am 18.12. zu verkürzen, erhielten wir am 17.12. bereits ein Briefing zum Thema „How do you pack your sled“. Kurz zusammengefasst: Benzin (White Gas), Kocher und Wag Bag (Toilettenbeutel) hinten in die Schlittentasche, Ersatzkleider und Hygieneartikel in die Mitte, Frühstück, Snacks und Abendessen vorne. Auf die Tasche wurde das „Sleeping System“ geschnallt (Sack mit ausgerollter Schlafmatte, Luftmatratze und Schlafsack). Im gut zugänglichen vorderen Bereich verstaute man Daunenjacke, Snacks und Thermosflaschen.

Ausserdem hatten wir einen Nähworkshop, in dem wir mit einem „Face Protector Template“ einen Gesichtsschutz aus Stoff zurechtschnitten und an die Skibrille nähten. Zusätzlich erhielten wir eine Nasen- und Wangenmaske – wichtiger Schutz gegen Erfrierungen. Last but not least bekamen wir spezielle Tourenski mit 3-Pin-Bindungen, die wir gleich auf einer kurzen Testtour zu einem hölzernen „Weihnachtsbaum“ ausprobierten.

Am 18.12. ging es am Vormittag mit dem Materialbezug weiter. Wir erhielten Schlitten, Schlittengurt, Schaufel, Kocher, Benzinflaschen (White Gas), Kochtopf, Zelt und Sleeping System. Dazu durften wir im Lebensmittellager gefriergetrocknete Mahlzeiten für Frühstück und Abendessen sowie Snacks wie Riegel, Schokolade, Salami, Käse, Kaffee, Tee und Elektrolyte auswählen. Geplant waren 7 Tage plus 3 Reservetage. Pratyay und ich waren froh, alles bereits in Ruhe erledigt zu haben. Die restlichen Gruppenmitglieder, die am Nachmittag landeten, hatten dies noch vor sich: Matthew aus den USA, Kamy aus Indien und Beata aus Polen.

Am 19.12. lernten wir den Umgang mit Kocher, Benzinflaschen (White Gas) sowie das Aufstellen der Hilleberg-Expeditionszelte. Diese lassen sich sehr schnell auf- und abbauen, da die Stangen beim Abbau nur in der Mitte gelöst, jedoch nicht entfernt werden müssen. Am Nachmittag folgte eine Trainingstour ausserhalb des Camps: Material aufladen, Zelt auf- und abbauen, Schnee schmelzen – alles geübt. Am Abend erfuhren wir, dass uns der bekannte US-Polar Explorer Eric Larsen begleiten und die Expedition mit Fotos und Drohnenaufnahmen für ALE dokumentieren würde.

Der Start ins Abenteuer:

Am 20.12. wurde es endlich ernst. Dank guten Flugwetters konnten wir wie geplant mit der Basler BT-67 etwa drei Stunden zum 89. Breitengrad fliegen. Der Landeort auf dem ewigen Eis ist nie derselbe und hängt von der Landemöglichkeit ab. Der Pilot liess ein Triebwerk laufen, während wir unser Material ausluden, und verschwand kurz darauf wieder in der Luft. Ab diesem Moment waren wir auf uns allein gestellt.

Wohin wir blickten: nichts als eine endlose Ebene aus Schnee und Eis. Keine Erhebungen, keine Orientierungspunkte – einzig die Erfahrung unserer Guides Pachi und Vivi, die die Tour bereits mehrfach geführt hatten, gab Sicherheit. Es war bitterkalt, die Sonne schimmerte durch Wolken, und es war bereits später Nachmittag. Also liefen wir sofort los: jeweils 50 Minuten gehen, 10 Minuten Pause, um Auskühlung zu verhindern. Nach rund zwei Stunden errichteten wir unser erstes Nachtlager. Die Herren teilten sich ein Zelt, die Damen waren im zweiten und die Guides im dritten Zelt.

Wir organisierten uns schnell: Pratyay und ich stellten unser Zelt auf, während Matthew ein tiefes „WC-Loch“ in den Schnee grub und einen Wind- und Sichtschutz errichtete. Daneben gab es ein „Pee Hole“ sowie die Möglichkeit, die Pee Bottles zu leeren. Für den Kot verwendeten wir Wag Bags (Toilettenbeutel), die mehrmals genutzt und am Ende im ALE Camp entsorgt wurden. Dank der Kälte fror alles schnell ein und liess sich problemlos transportieren. Im Zelt wurde es dank Sonne bald angenehm warm. Pratyay kümmerte sich um Kocher und Schneeschmelzen, Matthew und ich unterstützten. Nach etwas Geduld konnten wir unser erstes gefriergetrocknetes Abendessen geniessen und anschliessend in den warmen Schlafsack kriechen.

Der Rhythmus stellt sich ein:

Am zweiten (21.12.) und dritten Tag (22.12.) waren wir 6 bzw. 7 Stunden unterwegs. Der Tagesrhythmus war klar: Wasser kochen, Frühstück, warme Kleidung anziehen, Zelt abbauen, Schlitten beladen, Abmarsch gegen 9:30 Uhr. Dann 50-Minuten-Intervalle mit 10 Minuten Pause – wichtig für Flüssigkeitszufuhr und Energiezufuhr in der extrem trockenen Kälte.

Die Temperaturen lagen bei rund –20 °C, mit Wind deutlich darunter. Unsere Gesichter waren mit Buffs, Gesichtsschutz und Nasen-/Wangenmaske bedeckt, lediglich der Mundbereich blieb leicht offen, um das Beschlagen der Brille zu reduzieren.

Die Wichtigkeit des Gesichtsschutzes zeigte sich spätestens am Morgen des 4. Tages (23.12.): Kamy erlitt einige leichte Erfrierungen im Gesicht. Unsere Guides berieten sich per Satellitentelefon mit Ärzten im Union Glacier Camp. Ein Expeditionsabbruch und Pick-up vom Südpol standen im Raum. Glücklicherweise konnte Kamy gut versorgt werden und am Nachmittag weiterlaufen. Um die verlorene Zeit aufzuholen, erhöhten wir die Gehintervalle auf 60 Minuten plus 10 Minuten Pause und liefen insgesamt vier Stunden.

Kälte, Wind und Willenskraft:

Der 5. (24.12.) und 6. Tag (25.12.) verliefen planmässig, je 7 Stunden Gehzeit. Die Schlitten wurden täglich etwas leichter. Um Kamy und Beata zu unterstützen, übernahmen wir Männer ab Tag 5 zusätzlich das Frauenzelt und Benzinvorräte – spürbar, aber machbar.

Die Schneefläche war aufgrund der katabatischen Fallwinde nicht glatt, sondern wellenförmig. Diese Erhebungen waren z.T. mühsam zu überqueren, dennoch kippte kaum ein Schlitten. Die grösste Herausforderung war die extreme Kälte, vor allem in den Pausen. Unsere Finger kühlten in kürzester Zeit aus – selbst in dicken Handschuhen. Handwärmer wurden zum „Game Changer“ für die gesamte Gruppe. Einige Teilnehmer waren bereits auf Achttausendern – dennoch hatte niemand je solche Kälte an den Händen erlebt! Erstaunlich: Niemand hatte Probleme an den Füssen – die ALE-Baffin-Boots isolierten exzellent. Auch am Körper funktionierte das Mehrschichtprinzip bestens.

Abends hatten wir dank Pratyays Starlink-Router manchmal Internet – kurz, aber genug, um Weihnachtsgrüsse zu senden. An Heiligabend überraschten uns unsere Guides mit Hühnersuppe, Pizza (!) und Kuchen.

Der Südpol rückt näher:

Am 7. Tag (26.12.) liefen wir 8 Stunden. In der Ferne tauchte die eindrucksvolle Amundsen-Scott-Südpol-Forschungsstation auf – dennoch war es weiter als erwartet. Erst nach einer weiteren Nacht im Zelt erreichten wir unser Ziel.

Am 8. Tag (27.12.), nach ca. 110 km, erreichten wir das ALE Camp am Südpol. Die Freude war riesig – noch mehr, als wir ein beheiztes XXL-Zelt mit Betten und ein üppiges Abendessen mit Bier und Wein geniessen durften. Auch die beheizte Toilette war ein Highlight – und endlich konnten wir die Wag Bags (Toilettenbeutel) entsorgen.

Am nächsten Morgen (28.12.) liefen wir die letzten Meter mit Ski zum eigentlichen Südpol, etwa 1 km entfernt. Am berühmten „Ceremonial Pole“ machten wir Fotos in allen Variationen. Ein magischer Moment – ich hätte nie gedacht, jemals dort zu stehen. Der geografische Südpol befindet sich einige Hundert Meter entfernt, schlicht markiert mit einer Tafel mit Zitaten von Amundsen (14.12.1911) und Scott (17.01.1912). Sie wird jährlich neu gesetzt, weil sich das Eis verschiebt. Der magnetische Südpol liegt übrigens knapp 3000 km entfernt im Ozean.

Die Forschungsstation durfte leider nicht besichtigt werden, da Besuche von Touristen seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt sind. Wir kehrten ins ALE Camp zurück, in der Hoffnung, noch am Nachmittag zurück nach Union Glacier zu fliegen. Doch unser Flugzeug wurde kurzfristig für einen anderen Einsatz benötigt. Enttäuschung – aber auch die Chance auf eine weitere Nacht am Südpol.

Heute, am 29.12., fliegen wir zurück nach Union Glacier. Morgen, am 30.12., geht es weiter nach Punta Arenas – im Gepäck unzählige Erinnerungen an eine einzigartige Expedition, auf den Spuren von Amundsen und Scott: 110 km mit Ski und Schlitten vom 89. Breitengrad über die antarktische Hochebene auf rund 2’600 m Höhe zum Südpol auf 2’800 m.